Eine Auswertung der Zahlen hinter der eVergabe+, der E-Vergabe-Plattform des ANKÖ, gibt erstmals detaillierte Einblicke in die internationale Beteiligung am österreichischen Vergabemarkt. Unter 309.786 ausgewerteten Angeboten bleibt Österreich mit 96,2 % zwar eindeutig dominant, zugleich steigt die Internationalisierungsquote seit 2018 moderat und konzentriert sich auffallend auf Lieferaufträge, den Oberschwellenbereich und einzelne technologie- bzw. produktspezifische Branchen. Den gesamten Bericht zur „Internationalisierung der Angebote auf der ANKÖ eVergabe+-Plattform“ gibt es am Ende des Artikels zum Downloaden.
Die Internationalisierungsquote, also der Anteil an internationalen Angeboten bei österreichischen Vergabeverfahren, stieg laut dem Bericht von 3,1 % im Jahr 2018 auf 4,3 % im Jahr 2025, während das gesamte Angebotsvolumen im selben Zeitraum von rund 7.900 auf mehr als 57.000 Angebote anwuchs. Das spricht weniger für eine abrupte Marktveränderung als für eine schrittweise Öffnung innerhalb eines stark wachsenden Systems. Bemerkenswert ist dabei auch, dass sich die Zahl der Herkunftsländer von neun auf 44 erhöhte und die Konzentration der Top-3-Herkunftsländer deutlich sank. Der internationale Bieter:innenmarkt wird also breiter, ohne dass sich seine Grundstruktur wesentlich verändern würde.
2026: Jänner bis März, unvollständig. Quelle: eVergabe+, ANKÖ
Besonders aufschlussreich ist, dass internationale Beteiligung nicht zufällig auftritt, sondern an bestimmte Verfahrens- und Auftragsprofile gebunden ist. Lieferaufträge weisen mit 14,3 % den höchsten Anteil an internationalen Angeboten auf, Wettbewerbe folgen mit 10,8 %, Dienstleistungen mit 4,8 %, während Bauaufträge mit 1,2 % nahezu vollständig national bleiben. Mit Blick auf die Verfahrensart erreichen dynamische Beschaffungssysteme mit 23,5 % die höchste Internationalisierungsquote, während Direktvergaben mit 1,2 % faktisch national bleiben. Eindeutig ist die Unterscheidung auch nach Schwellenbereich: Im Oberschwellenbereich liegt die Quote bei 7,0 %, im Unterschwellenbereich hingegen nur bei 1,7 %. Bei Lieferaufträgen im Oberschwellenbereich werden sogar 18,6 % erreicht. Aus vergabepraktischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass der Markt grenzüberschreitender agiert, wo Leistungen standardisiert, transportierbar und unionsweit leichter vergleichbar sind. Wo lokale Gesetzgebungen (Bauordnungen, Ausführungsbedingungen etc.) sowie logistische Hürden dominieren, bleibt der Wettbewerb naturgemäß regional.
Das eigentliche Erkenntnispotenzial der Untersuchung liegt in der CPV-Segmentanalyse. CPV steht für Common Procurement Vocabulary (Gemeinsames Vokabular für öffentliche Aufträge) und ist ein einheitliches Klassifizierungssystem der Europäischen Union (EU) für das öffentliche Beschaffungswesen. Das CPV-System (Common Procurement Vocabulary) ist hierarchisch wie ein Stammbaum aufgebaut. Mit jeder weiteren Ziffer wird die Beschreibung des Auftrags präziser – von der groben Branche bis zum speziellen Produkt.
Die Analyse zeigt, dass nicht „der Vergabemarkt“ als Ganzes internationaler wird, sondern bestimmte Teilmärkte. Die Spannweite reicht von 38,9 % bei Laborgeräten über 20,8 % bei Software bis zu nur 1,1 % bei Bauarbeiten. Auch Bergbau/Metalle, Sicherheitsausrüstung, Beförderung und Medizintechnik weisen deutlich erhöhte Quoten auf. Industriemaschinen zeigen den stärksten Wachstumstrend und steigen von 7,2 % im Jahr 2018 auf 20,2 % im Jahr 2025 an. Bauarbeiten verharren demgegenüber bei rund 1 %. Ein hoher Grad an Internationalisierung ist bei Segmenten mit standardisierten Produkten und bei spezialisierten Nischenmärkten zu beobachten.
Quelle: eVergabe+, ANKÖ
Bei der Analyse der Herkunftsländer liegt im EU-Segment Deutschland mit 75,7 % aller EU-Angebote klar vorne. Insgesamt entfallen mehr als 88 % der EU-Angebote auf Österreichs Nachbarstaaten. Im Nicht-EU-Bereich stellen Liechtenstein und die Schweiz gemeinsam 81,9 % der Angebote. Insgesamt stammen 98,7 % der „internationalen“ Angebote aus Europa, daher handelt es sich eher um europäische und vielfach sogar Beteiligung aus Nachbarländern. Geographische Nähe bestimmt also das Angebotsverhalten, insbesondere im Bausegment.
Wer Lieferleistungen, standardisierte Technologie oder spezialisierte Nischenprodukte im Oberschwellenbereich ausschreibt, muss realistischerweise mit grenzüberschreitender Resonanz rechnen. Wer demgegenüber Bauleistungen oder unterschwellige Beschaffungen vergibt, bewegt sich nach den vorliegenden Zahlen weiterhin überwiegend in nationalen Märkten. Interessant ist zudem die ausgewiesene Saisonalität: September und November erreichen mit jeweils 4,6 % die höchsten Internationalisierungsquoten, während Februar und März mit 2,9 % bis 3,1 % die schwächsten Monate sind. Das mag zwar kein Planungsmaßstab sein, zeigt aber, dass internationale Beteiligung auch zeitlichen Rhythmen folgt. Methodisch besonders sauber ist schließlich der Hinweis des Berichts, dass die Analyse ausschließlich Angebotsabgaben misst. Aussagen über Zuschläge, Auftragsvolumina oder die qualitative Wettbewerbsfähigkeit internationaler Bieter:innen lassen sich daraus nicht ableiten.
Quelle: eVergabe+, ANKÖ
Die eVergabe+ unterstützt öffentliche Auftraggeber:innen bei der rechtssicheren und transparenten Abwicklung von Vergabeverfahren, von der Bekanntmachung bis zum Zuschlag. Die Plattform wird in Österreich von einem breiten Kreis öffentlicher Auftraggeber:innen genutzt und hat sich als etablierte Lösung im E-Vergabe-Bereich bewährt.
Den kompletten Bericht inklusive aller Tabellen und Grafiken finden Sie bei den Links unter dem Artikel.
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